Liebe Leserinnen und Leser,

die alte Dame lächelt und schaut versonnen in längst vergangene Zeiten. Aus ihren Augen, die von vielen kleinen Fältchen umrandet sind, blitzt die Weisheit von Jahrzehnten. Wir sitzen uns bei einer Tasse Kaffee am Tisch in einer Küche gegenüber. Sie erzählt mir aus den Jahren nach dem Krieg. Sie erzählt von einer Zeit, die ich nicht erlebt habe und von einem Ebersbach, das ich nicht kenne. Sie zählt Freunde und Bekannte auf, im Spreedorf, auf der Bahnhofsstraße und im Oberland. Oft sagt sie: „Die sind auch nicht mehr da.“ Sie erzählt von Pfarrer Schultze und Pfarrer Ripp und von der Kirchgemeinde. Ich erfahre, dass sie früher in der Mantel-konfektion gearbeitet hat. Sie hat einige Anekdoten auf Lager, die mich zum Lachen bringen. Aber sie erzählt auch von den harten Jahren, als sie vertrieben aus der Heimat, nach Ebersbach gekommen ist. Sie beschreibt die kleine Bodenkammer, in der sie mit den zwei Kindern unterge-kommen ist. Wie sie aus Angst um ihren Mann in Kriegsgefangenschaft oft kein Auge zugetan hat. Sie erzählt, wie schwierig das Überleben war und wie mühsam das tägliche Brot erkämpft werden musste. Irgendwann sagt sie: „Immer, wenn ich vor Verzweiflung nicht weiter wusste, habe ich gespürt: Gott ist bei mir.“ Sie sagt das so einfach und natürlich, als wäre es der selbstverständlichste Satz auf der Welt. Und ich denke: ‚Die Frau, die mir gegenüber sitzt, hat zwar mehrere Operationen hinter sich, sie hat oft Schmerzen und kommt nur noch selten vor die Tür. Aber sie ist sehr viel stärker als ich.’

Auch beim Weltgebetstag am 2. März werden starke Frauen im Mittel-punkt stehen. In ihrem Heimatland Malaysia kämpfen sie um das Recht auf Selbstbestimmung und menschenwürdige Arbeitsbedingungen. Dabei müssen sie sich oft gegen die eigene Regierung stellen. Auch weltweit gilt: Viele Kämpfe erscheinen auf den ersten Blick völlig sinnlos. Dass wir Güter gerecht verteilen und unseren Planeten nicht vergiften, dass wir Schwächere nicht unterdrücken und Gutmütige nicht übervorteilen; das alles gehört dazu. Wer hier etwas ändern will, ist oft in einer schwachen Position. Doch die Frauen machen uns vor, wie man losgeht. Christus spricht: „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ Anders schaffen wir es nicht ins gelobte Land.

Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes und gutes Jahr 2012. Mögen Sie an schwierigen Tagen und bei schweren Entscheidungen merken, dass Gott an Ihrer Seite ist.

Ihr Benjamin Hecker, Pfarrer

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